Sonntag, 30. Juli 2023

Licht und Schatten

 

"Verzeiht die Störung" spricht der Schatten.
"Ich soll euch einen Besuch abstatten,
doch seh ich nirgends hier ein Licht
und habe weit und breit kaum Sicht."


Der Schatten sieht verdutzt mich an,
weil er mich kaum erkennen kann.
Er muss doch seine Pflicht erfüllen
und mich von Kopf bis Fuß umhüllen.


Ich frage ihn, was er hier will.
In mir ist’s dunkel und längst still.
Hier gibt es nichts, das sich wird wehren.
Drum bitt’ ich ihn, nun umzukehren.


Der Schatten doch, er kann nicht fort,
er wurd’ gesandt an diesen Ort.
Die Dunkelheit soll er mir bringen

und alles Licht in mir bezwingen.


Ich frag erneut: "Aus welchem Grund?
In mir ist’s doch längst kalt und wund,
und längst ist da nichts Lichtes mehr,
in mir ist’s lang schon finster, leer."


Der Schatten grinst mir ins Gesicht.
Er weiß jetzt, wo es ist, mein Licht.
Es ist ganz sicher in mir drin,
das ist seines Besuches Sinn.


"Ihr Menschen sucht im Außen nur
mit weltlich Blick ganz starr und stur.
Das äußere Licht soll ich euch nehmen,
damit ihr lernt, das wahre Licht
liegt tief in euch und rührt sich nicht.


So ist das Licht euch stets ganz nah
dort in euch, wo es immer war."


Der Schatten kehrt nun wieder um,
ich blick ihm nach, erstaunt und stumm.
Und plötzlich strahlt aus mir heraus
ein Licht weit in die Welt hinaus.




© Nicole Schönfeld 2023